Hintergrund

Was sich in Indien abspielt, spielt sich in der ganzen Welt ab – in Brasilien, in China, in Indonesien: Zwischen den sogenannten Schwellenländern ist ein Wettrennen im Gang; sie alle wollen möglichst nahe zu den reichen Ländern der Welt aufschliessen. Es geht darum, attraktiv für Investoren zu sein, und es geht um die eigenen Wachstumsraten gemessen am Weltmarkt. Da kann beispielsweise in Indien keine Rücksicht genommen werden auf Traditionen der Ureinwohner und Unberührbaren. Der Kapitalismus in seiner heutigen globalen Prägung – ohne Leitplanken, ohne Ethik, ohne Religion – zielt auf eine Apokalypse, alles verzehrend, was da ist, ohne Idee für die Zukunft.

Diese Beschreibung ist zwar drastisch, aber in dieser grellen Zeichnung zeigt sich die Realität für unsere Protagonisten Pankhi Bai, Ghinnu Kole, Sushmita, Selva, Lakshmi, Biras Topno und Anil Kindo. Sie stehen stellvertretend für 100’000 Menschen, die nach Delhi marschieren, die wiederum für hundert Millionen landloser und vertriebener Bauern und Ureinwohnern stehen.
Persönliche Ausgangslage
Der indische Subkontinent mit seiner faszinierenden politischen Geschichte, mit seiner komplexen und spannungsreichen gesellschaftlichen und religiösen Struktur und seinem eigentlich modernen Staatsverständnis interessiert mich schon lange und auf eine spezielle Art. Dieses Interesse ist nicht nur, aber auch durch meine familiäre Situation begründet.

Auf einer Reise mit der Familie durch den südlichen Teilstaat Tamil Nadu verbrachten wir (mehr zufällig) einige Tage im Trainings- und Begegnungscenter CESCI der Organisation Ekta Parishad. Es war für uns sehr aufregend, die Menschen dort kennenzulernen in ihrer sozialen und politischen Arbeit, in ihren Gedanken und in ihrer tiefen Überzeugung. Sie haben damals von der Idee dieses gigantischen Marsches mit 100’000 Menschen, geplant für das Jahr 2012, erzählt.

Ich konnte mich der Faszination für dieses Ereignis nicht entziehen und begann, über einen möglichen Film nachzudenken. Die Produzentin Franziska Reck hat mich ein Jahr später ermuntert, dieses Projekt tatsächlich anzugehen. Sie ist ihrerseits politisch und persönlich mit diesem Thema verbunden.
Motivation
Es interessierte mich, nach langer Zeit wieder einen Film mit einem explizit politischen Gegenstand zu machen. Nicht ein politischer Film im Sinn von Agitation und Propaganda, sondern ein Film, der von Politik handelt. Mein Interesse ist es denn auch, den Widerstand und den Kampf der Ureinwohner und landlosen Bauern sichtbar zu machen – ihre Methode des Widerstands – und damit die Non-Violence besser begreifen zu können.

Das Interesse wurde zusätzlich durch aktuelle politische Ereignisse genährt – die anfänglich gewaltfrei herbeigeführten Umwälzungen im arabischen Raum, vor allem in Ägypten und Tunesien, im Gegensatz zum sehr blutigen Konflikt in Syrien.

Die Produzentin Franziska Reck und ich waren uns einig – wir wollten diesen Film angehen.

Ich machte mit Paolo Poloni eine ausführliche Recherchereise an viele Orte und zu vielen Menschen in Indien. Wir führten Gespräche mit indischen Politikern und Journalisten, wir suchten das tiefere Verständnis der Organisation Ekta Parishad. Wir machten Recherchen zu politischen, ökonomischen und sozialen Themen, die in einem Zusammenhang mit den landlosen Bauern, den Ureinwohnern und

Unberührbaren standen. Mit einer Kamera machten wir zusätzlich visuelle Recherchen, erprobten verschiedene filmische Blicke auf die indische Realität.

Diese Reise gab mir eine gute Grundlage für die Erarbeitung des Drehkonzeptes.
… und alles anders
Vier Monate vor Drehbeginn flog ich erneut nach Mumbai, um den Dreh konkret vorzubereiten.

Die Reise endete abrupt am Zollschalter – ich sei «black-listed», ich hätte ein «Ban on Entry». Mein gültiges Visa war in diesem Zusammenhang nicht relevant. Den Grund für die Verweigerung meiner Einreise konnten die Zollbeamten nicht nennen. Ich musste drei Stunden später frustriert und unverrichteter Dinge mit der gleichen Swiss-Maschine den Rückflug in die Schweiz antreten. Ich war verwirrt und beunruhigt.

Mich quälten Fragen: Und jetzt? Wie weiter?

Wieder in Zürich, war das Interesse gross, den Grund für die Einreisesperre herauszufinden. Wir prallten auf indischer Seite auf eine  Mauer des Schweigens. Lediglich inoffizielle Informationen aus dem Innenministerium in Delhi sind bei uns angekommen.

Ich sei schon einmal mit einem Tourist-Visa in einer Gegend gewesen, in die keine Touristen reisen würden – das war offenbar ein Grund.

Der erwähnte Ort und die angegebene Zeit stimmten mit meinem Aufenthalt überein. Ich war für die Recherchen in Chhattisgarh in Mittelindien, dort, wo die meisten Stahlwerke stehen, dort, wo es unendlich viel Armut gibt, dort, wo Luft und Erde vergiftet sind – und es gibt dort die maoistische Guerilla-Organisation der Naxaliten. Diese beherrschen im erwähnten Teilstaat militärisch ein Gebiet, welches dreimal so gross ist wie die Schweiz.

Die RECK Filmproduktion bemühte sich unter Zuhilfenahme verschiedener Netzwerke, den auf mir lastenden «Ban on visa» aufzuheben. Vergebens. Es wurde schnell klar, dass ich auf absehbare Zeit nicht mehr nach Indien würde reisen können.

Den Film wollten wir aber unbedingt machen. Aus Solidarität und mit der Überzeugung, dass die Wichtigkeit der Anliegen der landlosen Bauern und der Ureinwohner auch durch unseren Film von einer grösseren, auch internationalen Öffentlichkeit wahr- und ernstgenommen werden kann.
Grenzerfahrung
Um den Film realisieren zu können, standen wir nun vor der Aufgabe, einen Regisseur zu finden, der in der Lage sein würde, die Dreharbeiten in Indien zu leiten.

Diesen fanden wir in der Person von Kamal Musale. Er ist Inder und Schweizer mit Wohnsitz in Mumbai, ein erprobter Regisseur und Kameramann. Ihn konnten wir für die delikate Aufgabe gewinnen. Meine Recherchen und die bereits erarbeitete Drehkonzeption bildeten einen guten Einstieg und lieferten die nötige Voraussetzung für seine Arbeit.

Anschliessend schafften wir technische Voraussetzungen, die es möglich machten, dass ich das in Indien gedrehte Material relativ zeitnah visionieren und feedbacken konnte. So waren wir während der Dreharbeiten – erst in den Dörfern, dann auf dem Marsch – per Mail, Skype und Telefon in einem regelmässigen Austausch und fanden einen gangbaren Weg der Zusammenarbeit.

Ich möchte trotz allem nicht verhehlen, dass diese Situation für mich eine berufliche Grenzerfahrung war. Manchmal nannte ich mich «Remote-Regisseur»: Per Fernbedienung leitete ich inhaltliche, dramaturgische oder künstlerische Entscheide in die Wege. Die dokumentarische Drehsituation erwies sich als viel zu komplex: Sie besteht aus zu vielen Entscheiden im Minutentakt, dem emotionalen und  filmischen Zugang zu den Protagonisten und den Ereignissen – und sie ist von aussen schlecht steuerbar. Ich konnte trotz guter Kommunikation zwischen Indien und der Schweiz weniger Einfluss nehmen, als ich mir dies ausgemalt und vorgestellt hatte.

Zum Glück arbeitete Kamal Musale mit seiner Crew gut und mir lag reichhaltiges, differenziertes und cinematographisch interessantes Material aus Indien vor. Jedoch musste ich mich im Material zurechtfinden, so, wie es jeweils eine Cutterin tut. Sie visioniert von Berufes wegen und mit Absicht das Material ohne Kenntnis der realen Situation und ohne die Absicht des Regisseurs beim Drehen zu kennen. Dieser Umstand erst ermöglicht es ihr, beim Schnittprozess unter anderem die Rolle eines «Conterpart» produktiv zu spielen.

Für diesen Film fanden sich Cutterin und Regisseur plötzlich in fast der gleichen Ausgangslage.

Jedoch war vor allem meine Rolle eine neue, mir unbekannte. Ich verfügte nicht wie sonst über eine emotionale und inhaltliche Topographie im Material, die man üblicherweise von den Erfahrungen beim Drehen mitbringt. Es war äusserst schwierig, mich unter diesen Vorzeichen im Material zu orientieren. Ich suchte meine Geschichten und Personen. Ich suchte die passende Gewichtung der Themen, Personen und der Informationen, welche für eine interessante filmische Erzählung Voraussetzung ist. Dank vereinter Kräfte und einer etwas längeren Schneidezeit  gelang es Marina Wernli und mir schliesslich, die schwierige Situation zu meistern.

Abschliessend darf ich feststellen,  dass dieser Film für mich eine sehr bereichernde Erfahrung ist – gerade wegen des aussergewöhnlichen Entstehungsprozesses und der unkonventionellen Zusammenarbeit mit Kamal Musale.

Christoph Schaub, Oktober 2013