Die Idee zu einem Film über gewaltlosen Widerstand und Zivilcourage in Indien gärte bei mir sehr lange, denn sowohl berufliches als auch politisches Engagement verbindet mich seit vielen Jahren mit diesem Land. Erst das Zusammenspiel – respektive die Gleichzeitigkeit – der mehrjährigen Planung von Jan Satyagraha 2012 durch die Volksbewegung Ekta Parishad und einer privaten Reise des Regisseurs Christoph Schaub nach Südindien machte die angedachte Filmidee schliesslich real umsetzbar.

Ausgelöst wurde sie ursprünglich anlässlich meines Besuchs vor Jahren bei der Schweizerin Maja Koene in ihrem Bildungszentrum CESCI nahe dem südindischen Madurai, welches sie für Ekta Parishad aufgebaut hatte. Die damalige Begegnung mit den Menschen von Ekta Parishad, insbesondere mit Rajagopal, ihr beharrliches Voranschreiten, ihr gegenseitiger Respekt und ihre konkrete Arbeit in den Dörfern beeindruckten mich nachhaltig.

Die Bande zwischen Indien und meiner «Film-Familie» wurden mit der Zeit immer intensiver. Küde Meier, Produktionsleiter für Karl Saurers «Rajas Reise», der sich nach Maja Koenes Tod verstärkt im CESCI engagierte, konnte Rajagopal, den Leader der Volksbewegung Ekta Parishad, für die Mitarbeit an Saurers Film gewinnen. Damit begannen langjährige Kontakte sowohl zu Rajagopal als auch zu Filmtechnikern im südlichen Indien. Diese äusserst hilfreichen Voraussetzungen waren bereits für Karl Saurers nächsten Film, «Ahimsa», – welcher Gewaltfreiheit im Alltag thematisiert – von grosser Wichtigkeit, und dann vor allem für «Millions Can Walk«, bei dessen Realisierung wir mit unerwarteten Problemen konfrontiert waren.
Respekt und Professionalität
Logistisch waren die Dreharbeiten von «Millions Can Walk« eine grosse Herausforderung, sowohl während des Marsches als auch in den abgelegenen und schwer zugänglichen Dörfern. Es galt daher, die ganze Crew mit erfahrenen Mitarbeitern zu besetzen. Als Regisseur Christoph Schaub dann während den Drehvorbereitungen vollkommen unerwartet die Einreise nach Indien verweigert wurde, stellte sich die Frage nach der Realisierbarkeit des Films ganz grundsätzlich. Es begann ein Wettlauf mit der Zeit. Bis zuletzt versuchten wir auf allen Wegen, Christoph Schaub doch noch nach Indien zu bringen. Gleichzeitig mussten wir nach Alternativen suchen. Mit Kamal Musale haben wir die ideale Person gefunden: Er konnte in Indien Vorarbeiten leisten und einspringen, falls Christoph Schaub definitiv nicht würde einreisen können – was dann tatsächlich auch der Fall war.

Vor allem dank der guten Kooperation mit Ekta Parishad und einer hoch motivierten, sehr erfahrenen Crew konnten die Dreharbeiten einigermassen problemlos durchgeführt werden. Die Bereitschaft der Ekta Parishad, uns für den Filmdreh unter die Arme zu greifen, ist angesichts des unglaublichen Aufwands, welcher die Durchführung des Jan Satyagraha erforderte, einzigartig und war nur dank des grossen, gegenseitigen Respektes zwischen Rajagopal und unserem Team denkbar.

Was es heisst, einen Film zu realisieren, ohne seinen Autor und Regisseur auf dem Dreh zu haben, ahnten wir. Wir unterschätzten aber die Anforderungen, die sich in der Phase des Schnitts stellten. Der Weg war viel weiter und finanziell aufwändiger als geplant, aber dank ihrer grossen Erfahrung beim Schnitt von Spiel- und Dokumentarfilmen und dank ihrer enormen Ausdauer konnten Christoph Schaub und die Cutterin Marina Wernli letztlich alle Hürden erfolgreich überwinden.

Die Realisierung dieses Films war ein Kraftakt, wenn auch ein viel kleinerer als jener, den die  Akteure des Jan Satyagraha bewältigt haben. Vielleicht waren es diese Menschen – quasi «Vorbilder» –, welche mich dazu gebracht haben, nicht aufzugeben. Ihre Beharrlichkeit bestärkte mich, alles daran zu setzen, den Film über ihren Marsch zu Ende zu bringen. Ich bin enorm dankbar, dass er trotz aller Hindernisse

realisiert und zur Zufriedenheit aller Beteiligten fertigstellt werden konnte. Dies gelang uns nur dank des grossen Engagements aller Beteiligter, ihrer Professionalität und ihres Erfahrungsreichtums.

Der Film erzählt das, was ich mir von ihm wünschte. Er entführt in ein «anderes Indien», das nur wenige von uns kennen. Und er regt in der Begegnung mit ganz konkreten Schicksalen an, in unserer zusammengerückten, globalen Welt darüber nachzudenken, was Zivilcourage sein könnte. Und was für eine Kraft entsteht, wenn nicht jeder individuell seinen Weg geht – sondern viele Menschen zusammen für ihre Überzeugung gewaltlos einstehen.

Dem Film wünsche ich einen leichtfüssigen Weg zu seinem Publikum und diesem viel Anregung und Genuss.
Franziska Reck, November 2013